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Jetzt mal ganz ehrlich #1: Nicht-Akademiker Kind

 

„Ich lasse meine kleine Emma-Thilda-Sophie-Madita jetzt nicht mehr mit Mia-Charlotte und Finn-Luca spielen.“ Sie spitzt ihre wahrscheinlich mit YSL-Lippenstift bemalten Lippen, zieht die etwas zu dünn geratene Augenbraue hoch und faltet ihre Hände auf ihrer Chloé Marcy Tasche.
„Huch, warum denn nicht? Ich dachte Emma und Mia spielen in der Kita auch gerne zusammen?“, entgegnet die andere Frau Ende dreißig in Woolrich-Mantel, UGG-Boots und Louis Vuitton Speedy.
Mama Nummer eins entgegnet empört: „Ja, schon, aber das ist doch kein Umgang! Ich habe gerade von Annette erfahren, dass der Vater von Mia und Finn Elektriker ist! So einer, der Kundentermine hat und einen Blaumann trägt! Ich dachte immer, er leite so ein riesiges Strom-Unternehmen. Und Luise, die kommt morgens nicht mehr zum Yoga, weil sie jetzt wieder arbeitet. Nicht zur Selbstverwirklichung, sondern weil sie muss. Der Michael verdient ja nicht genug da mit seinem Handwerk. Schade für die Kinder, aber das ist wirklich nicht das Umfeld, in dem meine Emma aufwachsen soll.“
Mama Nummer zwei nickt.

Ich kotze.
So oder wenigstens so ähnlich ereignete sich dieses Gespräch letztens in der U-Bahn Richtung Eppendorf. Die beiden Damen saßen mir gegenüber und natürlich habe ich nicht in den Wagon gekotzt, aber am liebsten hätte ich Mama Nummer eins, oder sogar beiden, eine rein gehauen.

Ich bin kein aggressiver Mensch. Ich habe noch nie jemanden geschlagen oder ähnliches. Aber manchmal, da kann ich die Dummheit, Ignoranz oder Intoleranz von anderen Menschen nur schwer ertragen und will diese an den Schultern nehmen und schütteln. Mach ich natürlich nicht. Ich schreibe lieber darüber.

Es tut mir wahnsinnig Leid für Emma, Mia und Finn, dass ihre scheinbar gut laufende Freundschaft basierend auf Spaß und Vertrauen dadurch auseinander gerissen wird, dass Mama Nummer eins ignorant und dumm ist. Ich habe so ein Gespräch bzw. diese Aussage schon öfter gehört. Es ist mir sogar selbst passiert. In der Unterstufe war ein Mädchen aus meiner Klasse bei mir, die in dem Ort wohnte, wo die Schule war. Ich kam aus einem Dorf in der Nähe. Wir hatten einen schönen Nachmittag, doch sie kam nie wieder zu mir. Ihre Mutter wollte nicht, dass sie mit Kindern aus Dörfern verkehrt. 5 Kilometer Entfernung sollten der Grund sein. Vielleicht waren es auch meine Nicht-Akademiker-Eltern.

Meine Eltern haben beide eine Ausbildung gemacht. Meine Mutter eine kaufmännische, mein Vater eine handwerkliche. Schockschwerenot! Mein Vater ist Gas- und Wasserinstallateur, wenn ihr so wollt: Klempner. Wir waren jedes Jahr zwei Mal im Urlaub, einmal in Spanien, einmal in Dänemark, wir waren in Florida in Disney World. Ich wurde in Bezug auf Spielsachen viel zu sehr verwöhnt, der Weihnachtsmann brachte auch mal zwei Säcke voll Barbie- und Baby-Born-Zeug mit. Mein Vater hatte immer zwischen 16.30 und 17 Uhr Feierabend und ich daher sehr viel Zeit mit ihm. Alles war perfekt. Dass meine Mutter vormittags arbeitet, während ich in der Schule bin, fand ich normal. Als ich älter wurde und sie ein, zwei Nachmittage bei der Arbeit blieb, war das auch kein großes Ding für mich. Ich fand es eher komisch, dass einige Mütter immer zu Hause waren. Was machen die denn den ganzen Tag?, habe ich mich gefragt.

Ansonsten hat mich der Beruf meiner Eltern wenig interessiert. Auch der anderer Eltern. Erst während meines Bachelor-Studiums wurde mir bewusst, dass viele – sehr viele – Leute sich über ihre Eltern und deren Jobs definieren. Eine damals sehr gute Freundin von mir, erzählte mir immer, was die Eltern von ihrem letzten Date/neuer Bekanntschaft/Mädel von einer Hausparty von Beruf sind. Ich kann immer noch nicht verstehen, wie man diese Information beim ersten Treffen ermittelt und vor allem warum. Wir waren alle bereits über 20, ausgezogen, dabei, unsere eigene Karriere zu starten. Wenn ich meine Verwirrung darüber äußerte, wurde mir schnell Neid untersagt. Da meine Eltern keine Anwälte, CEOs oder Ärzte sind. Was für ein Quatsch. Ich hatte immer alles. Viel Liebe, viele Geschenke, finanzielle Unterstützung. Und ich bin ich, nicht meine Eltern. Und Elisabeth ist sie, nicht ihre Eltern. Und auch BWL-Justus ist er selbst, nicht sein Papa.

Jedenfalls sitze ich jetzt hier an meiner Masterarbeit. Ich Nicht-Akademiker-Kind. Habe mein dualeas BWL-Studium mit 1.5 abgeschlossen und habe zur Zeit den gleichen Notenschnitt im Masterstudium. Und nein, ich bin nicht die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Ich kenne viele Leute, deren Eltern nicht studiert haben, und die „trotzdem“ super intelligent und erfolgreich sind. Und ich kenne Akademiker-Kinder, die auf die schiefe Bahn geraten sind. Oder nicht ganz so dramatisch, einen Realschulabschluss haben und eine Ausbildung machen. Oh Schreck.

Viele vergessen auch, dass in den 70ern und 80ern studieren noch nicht so ein Mainstream-Ding war wie jetzt. Viele Leute haben Ausbildungen gemacht. Viele Leute wollten direkt Geld verdienen, etwas Solides machen. Und nicht zu vergessen: Viele Leute lieben diese Jobs. Mein Vater z.B. würde in einem Büroalltag durchdrehen. Er braucht den täglichen Kontakt zu verschiedenen Menschen in Kombination mit technischer und handwerklicher Arbeit. Und selbst wenn meine Eltern Friseure wären, oder Müllmänner, oder arbeitslos. Was hat das bloß mit dem Kind zu tun?

Natürlich gibt es Kinder, die aufgrund der sozialen Situation ihrer Familie benachteiligt sind. Das bestreite ich ja gar nicht. Aber wenn eine Mia-Charlotte und ein Finn-Luca in Eppendorf aufwachsen und in der gleichen Kita sind wie Emma-Thilda und Co, dann bezweifle ich, dass es sich um ein sozial-benachteiligtes Kind handelt. Und was ist eigentlich mit Mama Nummer eins? Offensichtlich ist sie Hausfrau, „um sich auf die Kinder zu konzentrieren“. Das ist auch vollkommen in Ordnung. Nur redet sie davon, dass ihre Tochter eh in der Kita ist und sie zum Yoga geht – ist das jetzt so viel ehrenwerter, als wie erwähnte Luise einen Job zu haben?

Einige von euch denken vielleicht, dass ich übertreibe. Dass die beiden Frauen eine Ausnahme sind, das sonst kaum jemand so denkt. Aber gerade durch einige Leute, die einem in einem dualen BWL-Studium begegnen, merkt man, dass die Definition über die eigenen Eltern ziemlich groß ist. Ein Grund, warum Martin Schulz gerade so stark gehypt wird, ist, dass er „von unten kommt“. Weil sein Vater Polizist im mittleren Dienst war und er das Gymnasium frühzeitig mit mittlerer Reife verließ? Na und? Was sagt das über über die Person Martin Schulz schon aus? Was kann er dadurch besser als Angela Merkel? Sind Erfahrung und das geplante politische Programm nicht ein klitzekleines bisschen wichtiger?

Es gibt übrigens ein Stipendium für Nicht-Akademiker-Kinder. Hätte ich mich mal drauf bewerben sollen, mit meiner außergewöhnlichen, atypischen Intelligenz für ein Dorfkind mit unstudierten Eltern, hätte ich das sicher bekommen.